Bevor wir unser Abenteuer beginnen, möchten wir euch den Architekten Dillon Gogarty aus Seattle vorstellen. Er ist nicht nur ein leidenschaftlicher Designer, sondern auch ein großartiger Fotograf, der es liebt die Natur zu erkunden. Folgt ihm auf seinem Trip in die Wildnis des Mount Baker im Staate Washington und lasst euch von seiner Geschichte in Worten und Bildern verzaubern.

“Micro-Trips:
Ein komplettes Abenteuer mit Spaß und Spannung, dass innerhalb einer Reichweite von drei Autostunden stattfindet.”

Früher Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen drängen sich an unseren Vorhängen vorbei und spiegeln sich in den Metallbeinen unseres Bettes. Die Glasfassaden der Hochhäuser von Downtown Seattle reflektieren das goldene Licht in unser kleines Apartment. Es ist Sonntag. Glücklich, von der aufgehenden Sonne geweckt zu werden, verlassen wir langsam das warme Bett. Unsere Hündin Sadie ist die erste und bearbeitet bereits eifrig ihr süßes Fuchsspielzeug. Ich komme danach und setze schnell Wasser für den Tee auf. Wir haben absolut keinen Plan für den heutigen Tag. Gestern hatte meine Freundin Katie den Tag mit Kunden verbracht und ich war an meinen Grafikprojekten dran. Die Idee ist, heute entspannt von zu Hause aus zu arbeiten. Nachdem wir uns fast in ein Pfannkuchen-Koma gegessen haben, ändern wir unsere Meinung – heute steht ein Micro-Trip, ein Abenteuer, auf der Tagesordnung. Das ist für uns nichts Ungewöhnliches, ich schätze, dass wir drei von vier Wochenenden für kleine Trips in der Umgebung nutzen. Warum sollte es dieses Wochenende also anders sein? Wie immer laden wir das Auto mit günstigen Trader Joe’s Snacks, etwas Popcorn und schon sind wir unterwegs. Heute geht es Richtung Norden.

Das Beste an Micro-Trips ist der minimale Zeitaufwand. Klar, man muss sich überlegen, wann man wieder zurück sein möchte, besonders auf einen Sonntag, mit einem normalen Montag als Arbeitstag im Nacken. Aber gerade deswegen ist diese Art zu reisen mein persönlicher Favorit. Man ist komplett spontan und handelt nur nach dem eigenen Drang, raus zu gehen und etwas zu erleben. Und so läuft der Tag für uns ab:

10:13. Wir sind fertig mit dem Frühstück und machen zwei Hundepfannkuchen für die beiden. Einen für Sadie und einen für Smalls, den Hund meiner Schwester.
11:20. Wir sitzen rum und verdauen immer noch das gigantische Frühstück. Dann drehen wir Reverse-Videos von den Hunden, weil Hunde rückwärts nun mal urkomisch sind.
12:47. Ich habe immer noch kein Shirt an und entscheide mich für einen Hundeselfie mit Sadie. Natürlich mit Hundeöhrchen, wie auch sonst?
13:04. Als nächstes steht der Snapchat Hotdog Dance auf dem Programm – Smalls ist nicht so begeistert wie ich und möchte wieder nach draußen. Komisch.
15:08. Wir geben Smalls ihrer Besitzerin in Fremont zurück und fahren danach weiter Richtung Norden.

Übrigens, vertraut mir bei den Zeiten. Ich habe die Bilddaten. Das ist einer dieser Punkte, die ich in der Fotografie/Videografie des 21. Jahrhunderts absolut vergöttere. Mit diesen Daten können wir unser Gedächtnis hacken. Wie hätte ich mich sonst an all diese wunderschönen Momente meines Tages erinnern sollen, ohne die Zeitstempel meines Mobilgeräts? Auch wenn manche es als nervig empfinden, dokumentiert euer Leben, haltet es digital fest. Wir haben nur eine begrenze Kapazität, die durch unseren ständigen Medienkonsum noch weiter eingeschränkt wird. Aber das ist ein Thema für ein andermal.

Ok, genug Hintergrund und Ausschweifungen. Hier geht der Trip richtig los.

17:16: Wir fahren an den Rand von Highway 9, kurz vor der Stadt Acme, um unser Ziel aus der Ferne zu betrachten – Mount Baker ist noch im Hintergrund, während die Twin Sisters schon in ihrer ganzen Pracht zu sehen sind. 17:17: Zurück auf die Straße, weiter gehts. Um 17:49 erreichen wir den Ort Glacier und um 18:02 machen wir an unserem ersten Abstecher halt: Nooksack Falls. Praktisch sofort reiße ich mir mein Knie an einem rostigen Geländer auf, weil ich Katie zeige, wie ich schon immer ein Leben am Limit führe. Während mein Knie so vor sich hin blutet, stelle ich fest, dass ich meine weißen Vans trage – perfekte Wanderschuhe, ich weiß. Die Suche nach einem Taschentuch im Auto bleibt erfolglos, weil ich natürlich erst gestern die ganze Karre ausgemistet habe. Dann muss das Shirt jetzt herhalten. Ach, ne, doch nicht. Ich entscheide mich, die Blutung auszusitzen, bis die Wunde verkrustet ist und solange die Drone fliegen zu lassen. Keine 50 Meter weiter ist der Wasserfall und auf einer Dronenhöhe von 400 Metern kann man sehen, wie die Flüsse weiter unten in einem umgedrehten Dreieck zusammenlaufen. Es ist unbeschreiblich schön. Ich mache noch ein paar mehr Aufnahmen und kehre mit der Drone zurück zur Mitte einer Brücke. Beim Anflug versammeln sich Kinder, die mir beim Anblick meines steifen Ganges komische Blicke zuwerfen.

Jetzt, wo das Blut halbwegs getrocknet ist, wandern wir den Pfad zurück und sind wieder bei dem gefährlichen Geländer oberhalb des Wasserfalls. Sadie macht Bekanntschaft mit einem anderen Fotografenpärchen, Katie und ich bleiben lieber unter uns und lassen sie machen. Wir machen ein paar Bilder und gehen zurück zum Auto.

Wenige Momente später schleichen wir im zweiten Gang die bergige Skistraße hoch. Dann rasen wir schnell an ein paar Hütten und einigen Spiegelseen vorbei. Ein paar weitere Abstecher schaden bestimmt nicht, stimmts? Beim dritten Zwischenstop kommen wir schließlich bei Picture Lake an. Der Holzpfad führt uns durch feine Wildpflanzengewächse und schließlich kommen wir am Aussichtspunkt an – die Sicht ist phänomenal. Wir können Mount Shuksan durch die Reflektionen in den Seen extrem detailliert sehen.

Kurz darauf biegen wir auf den Parkplatz von Artist’s Ridge ein. Es scheint fast so, als ob die Sonne uns herausfordern würde und jetzt möglichst schnell hinter den Bergen verschwindet. Wir sind zu nah dran, um jetzt den Sonnenuntergang zu verpassen. Sadie und Kate schälen sich nur langsam aus dem Auto, während ich schon mal durch den Schnee stapfe, um den besten Ausblickspunkt zu finden. Es vergehen vielleicht drei Minuten und ich stehe auf einmal komplett im Schatten. Ernüchtert gehe ich zurück zum Auto, bis ich plötzlich eine Lücke zwischen zwei Hügeln entdecke, die von den letzten Sonnenstrahlen getroffen wird und im verschwindenden Licht erstrahlt. Wir machen uns schnell auf den Weg zurück zum Eingang und steigen auf einen Hügel, um doch noch den Rest des Sonnenuntergangs genießen zu können.

Nach diesem Naturschauspiel sind wir auf dem Rückweg zum Auto und entscheiden uns, durch den Schneematsch einen verschneiten Pfad entlangzulaufen. Meine weißen Vans und Katies Schuhe sind natürlich direkt komplett durchnässt. Doch der Ausblick ist das alles wert, denn wir folgen dem Bergrücken und finden sogar eine trockene Stelle, auf der wir uns niederlassen und beobachten, wie die Bergspitzen langsam ihre Farben ändern. Ich habe sogar genug Zeit, kurz mit der Drone eine Runde zu drehen. Der Abend ist perfekt, bis die Insekten rauskommen und in Schwärmen über uns herfallen.

Zurück am Auto fallen wir direkt über unsere mitgebrachten Snacks her und fahren danach vorsichtig den Berg wieder runter. Wir halten ein letztes Mal an einem Aussichtspunkt an, essen unsere verbleibenden Sandwiches und beobachten wie die wirklich allerletzten Sonnenstrahlen auf unserem Auto verblassen.

21:16: Wir beginnen unsere dreistündige Rückfahrt im Dunkeln und kommen gerade rechtzeitig zu Hause an, um noch genug Schlaf für den morgigen Arbeitstag zu tanken. Bis zum nächsten Mal, Baker.

Micro-Trip
Von: Dillon Gogarty
30.07.17

Ort:
Mount Baker Wildnis, Washington State, USA
Genaues Ziel: Artist Point

Charaktere:
Katie: 25 Jahre, Haarspezialistin
Dillon: 25 Jahre, Architekturdesigner
Sadie: 4 Jahre, 100% amerikanische Mischung
Smalls: 4 Jahre, 100% französische Mischung

 

*aktuelle Zahlen zum Redaktionsschluss.

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